Januar 1995: Unsere mittlerweile drei Computer werden vernetzt. Neue Programme werden angeschafft.
Februar 1995: Alles läuft bestens bis..
März 1995: ...unsere Märzausgabe angeliefert wird. Ulrike Serbent entdeckt bei Durchsicht eine Drogenanzeige. Wir lassen die gesamte Ausgabe einstampfen. In weniger als zwei Stunden ist der Spuk vorbei: Die entsprechende Seite wird in Rekordzeit von "eindruck" neu gestaltet, unsere Lüneburger Druckerei verspricht eine Sonderschicht zu fahren, um die Auflage neu zu drucken, die 50.000 Zeitungen mit der Ecstasy-Werbung landen bei der Aktenvernichtung. Wir sind um rund 10.000 Mark ärmer und eine wichtige Erfahrung reicher - in der Krise klappt die Zusammenarbeit zwischen uns reibungslos. Wir bringen den Neudruck pünktlich zum 1. März auf den Markt.
April 1995: Nun gibt es uns schon ein halbes Jahr. Die Vorschußlorbeeren sind in der Suppe gelandet, die wir alle auslöffeln müssen: Wir sind nicht mehr die "Obdachlosenzeitung", die man aus Mitleid (und vielleicht auch Neugierde) kauft, sondern ein Monatsblatt, das die Leser des Inhalts wegen schätzen. Den Wandel erkennen wir an den Leserbriefen. Hieß es im Anfang noch: "Es ist gut, daß es dieses Zeitungsprojekt gibt", so heißt es jetzt zu den Artikeln: "Es ist gut, daß ihr dieses Thema aufgegriffen habt". Wir sind immer noch personell unterbesetzt und von der Hardware her ungenügend ausgestattet. Wir müssen sehr hart arbeiten, um die erreichte Qualität nicht nur zu halten, sondern noch zu steigern. Überstunden sind die Regel.
Mai 1995: Unsere ersten Benefizkonzerte finden statt. Am 1. Mai singt Jevgenij Tarassov, ein russischer Bassist, für Asphalt, am 7. Mai spielen die "Silver Beatles". Ulrike Serbent hat das Ganze "mal eben so nebenbei" organisiert - und weil sie gerade so schön im Zug war, auch noch gleich eine Versteigerungsaktion dazu.
Wir stellen den 400. Verkäuferausweis aus.
Juni-Juli 1995: Das Sommerloch. Wir fahren unsere Auflage auf 40.000 herunter. Besuchergruppen aus Kolumbien und Kuba in der Redaktion. Es gibt inzwischen etwa 30 Straßenmagazine in der Bundesrepublik.
Heike Mätzig geht in den Schwangerschaftsurlaub und nimmt daran anschließend ihr Erziehungsjahr. Für sie tritt Ortrud Deskau in die Buchhaltung ein.
August 1995: Mehr als 3.000 Leser antworten auf unsere Leserumfrage. Unsere 40.000 Zeitungen sind bereits am 23. ausverkauft. Für den September müssen wir unsere Auflage wieder auf 50.000 Exemplare erhöhen. Und wieder einmal ist das Fernsehen in der Redaktion: RTL Plus und der NDR.
26. August 1995: Asphalt wird ein Jahr alt!
Unsere Geburtstagsfeier im Pavillon wird von Radio FFN-Moderator Andreas Schnur moderiert. Die Sponsoren: Radio FFN, Spielbank Hannover, Stadtsparkasse Hannover, Volksbank Hannover, VGH, Siemens, TUI, Vereinte Versicherungen, Gilde Brauerei, Toto-Lotto, Hotel da Lello, MaiRepro, Colorset, eindruck. Neben den Gruppen Peek a Boo und Cockfosters treten Modell Andante, Siggi & Raner und viele andere Künstler auf. Die Fete wird von mehr als 500 Gästen besucht. Und wieder ist das Fernsehen dabei.
September 1995: Hemmingen und Wunstorf werden "asphaltiert"! Zu unserem Vertrieb und unserer Lokalredaktion in Celle (Auflage 2.500) kommen zwei weitere Vertriebspunkte au_erhalb Hannovers dazu: Wunstorf (Auflage 800) und Hemmingen (Auflage 800).
4.-6. Oktober 1995: Erste Tagung der bundesdeutschen Straßenmagazine in der Evangelischen Akademie Loccum (am Steinhuder Meer). Vereinbart wird eine engere Zusammenarbeit (Artikelaustausch, gemeinsame Aktionen). Für uns stellt sich heraus: Asphalt gilt allgemein als erfolgreichstes Projekt neben Hinz & Kunzt, Hamburg. Allerdings: Hamburg hat bei einer Einwohner-zahl von 1,8 Mio eine Auflage von 110.000, Hannover hat bei einer Einwohnerzahl von 500.000 eine Auflage von 35.000 - was eindeutig Spitze ist. Wir erreichen damit mehr als jeden zehnten Haushalt!
November 1995: Wir gewinnen den "Preis für bürgerschaftliche Selbsthilfe" in Hannover! Trotzdem ein schwarzer Monat. Unsere verkaufte Auflage sinkt erstmals unter 30.000. Unsere für die redaktionelle Arbeit nicht geeigneten Computer versagen immer öfter. Wir sind alle völlig überarbeitet und ausgebrannt. Es wird beschlossen, auf ein neues Computersystem umzurüsten, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Kosten: 30.000 Mark - und unsere Kasse ist fast leer, denn in diesem Monat hat auch das Finanzamt zugeschlagen...
Auch personell bekommen wir Verstärkung: Marlies Lönnecker stößt über eine BSAG-Stelle zum Vertrieb.
Dezember 1995: Die Weihnachtsausgabe hat sich hervorragend verkauft. Noch vor dem Fest sind wir mit einer Auflage von 40.000 restlos ausverkauft. Auch das Anzeigengeschäft ist bemerkenswert gut gelaufen. Wir mußten die Seitenzahl von 32 auf 40 erhöhen, um alle unterbringen zu können. Und es hagelt Spenden, Spenden, Spenden! Es geht wieder aufwärts mit uns!
Januar 1996: Es ist eigentlich gut gelaufen bisher, aber...
Februar 1996: ...unsere Bilanz weist ein tiefes Loch auf, das durch die Weihnachtsspenden nur knapp gestopft werden konnte. Und schlimmer: Der langanhaltende bittere Winter tut uns gar nicht gut. Drei Verkäufer haben ihn nicht überlebt. Die Verkaufszahlen sind die schlechtesten seit Start unseres Projektes. Nur 24.000 Zeitungen werden verkauft. 11.000 Zeitungen wandern ins Altpapier.
Wir haben den Entschluß gefaßt, uns bis Mitte des Jahres in eine gemeinnützige GmbH umzuwandeln. Zum 1. März tritt Dr. Michael Meilwes über eine AB-Maßnahme in die Geschäftsleitung ein, die Wilfried Pellmann als ehrenamtlicher Geschäftsführer übernehmen wird. Etwas kompliziert, aber wie immer standen wir vor der Frage: Wie kriegen wir es hin?
7. März 1996: Wir gewinnen den "Stadtkulturpreis des Freundeskreises Hannover"! Ulrike Serbent hat für den Amateurfotografen B. Sacher eine vielbeachtete Ausstellung im Pavillon am Raschplatz - direkt gegenüber unserer Redaktion - organisiert. Sie wurde ein Riesenerfolg und mußte um eine Woche verlängert werden. In kleinerer Form wird sie danach auch im 'Haus der Jugend' in Hannover gezeigt. Allein 5.000 hannoversche Schüler sehen sie, diskutieren mit den Betroffenen. Und der Verkauf läuft auch wieder besser. Kunststück: Die Märzausgabe ist super geworden und das Wetter spielt auch mit. Der Frühling kündet sich an.
April 1996: Es gelingt uns, zwei weitere Vertriebspunkte zu gründen: Ab Juni wird das Asphalt-Magazin auch in Hildesheim verkauft werden. Zum August wird in Lüneburg gestartet. Hier wird nach dem Celler Modell eine Lokalredaktion entstehen. Auch die Skeptiker und Zauderer sehen es nun ein: Wenn das Asphalt-Magazin jemals eine solide wirtschaftliche Grundlage erarbeiten will, so kann sie es nicht allein in Hannover schaffen. Und das wichtigste Argument: Auch in anderen Städten Niedersachsens gibt es Wohnungslose, die unsere Zeitung brauchen. Unsere Zukunft liegt in ganz Niedersachsen. Das Asphalt-Magazin hat nun endgültig den Weg zum überregionalen Straßenmagazin beschritten. Und wie in den Monaten Mai bis September 1994 fühlen wir uns zwischen Bangen und Hoffen hin- und hergerissen. Wieder Aufbauarbeit - wieder Ungewissheit.
Mai 1996: Business as usual
Juni 1996: Hildesheim wird "asphaltiert"! Der Verkauf wird mit einer Auflage von 3.000 gestartet.
Juli 1996: Die Angst vor dem Sommerloch ist unbegründert. Die Verkaufszahlen bleiben stabil.
August 1996: Lüneburg wird "asphaltiert"! 4.000 Exemplare werden für die Lokalredaktion Lüneburg gedruckt. Dort werden von unserer Lüneburger Druckerei die hannoverschen Seiten 15 bis 18 mit den Lüneburger Lokalseiten vertauscht. Es gibt jetzt erstmals zwei verschiedene Asphalt-Ausgaben.
September 1996: Das Asphalt-Magazin wird zwei Jahre alt. Zum Feiern bleibt keine Zeit: Wir stehen mit Oldenburg, Delmenhorst und Wilhelmshaven in Verhandlungen für eine weitere Lokalredaktion, von der aus später einmal der gesamte Raum Oldenburg und Ostfriesland beliefert werden soll.
Oktober 1996: Die Novemberausgabe wird noch knapp fertigproduziert, dann liegt die Redaktionsarbeit brach: Ulrike Serbent und Rolf Höpfner werden krank. Die zweite Tagung deutscher Straßenmagazine findet ohne sie statt. Die Dezemberausgabe ist gefährdet. Crisis as usual.
November 1996: Auch Marlies Lönneker wird krank. Detlef Berz hat sich noch nicht von seiner Gallenoperation erholt. Krank oder nicht: Die Dezemberausgabe muß fertigwerden!
Dezember 1996: Oldenburg, Delmenhorst und Wilhelmshaven werden "asphaltiert"! Gestartet wird ganz vorsichtig mit 3.000 Exemplaren. Die Gesamtauflage steigt auf 43.000. Wir sind das Straßenmagazin mit der größten Verbreitung Deutschlands geworden.
Januar 1997: Die Kältewelle erwischt uns. Temperaturen um -20 Grad. Ein schlechter Monat für das Asphalt-Magazin.
Februar 1997: Wie schon im Vormonat läuft alles eher schleppend. Es ist zu kalt, um acht Stunden täglich im Freien zu stehen. Wir merken es an den Verkaufszahlen, aber wir können auch stolz auf den "harten Kern" unserer Verkäufer sein: Alle bleiben bei der Stange, machen sich gegenseitig Mut: "Im letzten Jahr war es genauso. Wenn es wärmer wird, ziehen wir wieder mächtig an."
März 1997: Stadthagen wird "asphaltiert"! Der Start in der niedersächsischen Kreisstadt erfolgt mit 500 Exemplaren.