Hermann Josef Hack auf der Pressekonferenz am 06. März 1997 in Hannover:
Multimedia für Obdachlose,
das klingt für die meisten wie Perlen vor die Säue. Schließlich behandeln wir gerne wohnungslose Mitmenschen wie Bürger zweiter Klasse, auf die man herabschaut, die dankbar sein sollen, wenn wir sie überhaupt existieren lassen.
Zugegeben, diejenigen, die nicht mehr am normalen Leben teilnehmen können, haben erst einmal Anspruch auf die wichtigsten Grundbedürfnisse Essen, Gesundheitsvorsorge, eine Schlafstätte, doch - was ist mit dem Recht auf Information und Kommunikation?
Obdachlos zu sein, heißt das Mensch zweiter Klasse ohne Anspruch auf Teilnahme an der Informationsgesellschaft zu sein?
Wer entscheidet, was wohnungslosen Menschen fehlt und was sie zu vermissen haben? Glaubt man der Stammtischöffentlichkeit, hört die gesellschaftliche Verantwortung an der Suppenschüssel der Armenspeisung auf.
Daß Menschen ohne festen Wohnsitz aber auch ein Recht auf Gleichbehandlung in unserer Multimediagesellschaft haben, wurde bisher nicht in Erwägung gezogen.
So wundert es mich nicht, wenn wir Künstler wieder einmal - ähnlich der Erfindung und Realisierung des weltweit ersten interaktiven Fernsehens - dieses Thema in die Gesellschaft tragen.
Mit meinem Virtuellen Dach will ich die Medienprofis und diejenigen, die sich für neue Medien interessieren, auf die Notwendigkeit hinweisen, alle an der Entwicklung zur Informationsgesellschaft teilhaben zu lassen. Wenn schon Multimedia unsere Zukunft bestimmen wird, was selbst die schärfsten Kritiker nicht leugnen, dann bitte ohne Klassengesellschaft!
Insofern ist die CeBIT ein richtiger und wichtiger Ort, diese Botschaft zu verkünden und zu demonstrieren, daß auch Obdachlose in den Genuß von Internet und Chat kommen können. Dort, wo man sich ohne Preisgabe seiner Identität ungezwungen unterhalten kann, im Cyberspace, können aus der Normalgesellschaft Ausgestoßene sich mit anderen über ihre besondere Situation, Probleme usw. unterhalten oder ganz einfach mal wieder small talk mit jemandem halten.
Grundlage der Aktion ist das Virtuelle Dach, eine Architektur, die aus vielen einzelnen Parzellen in einer definierten Höhe von 600 Metern über dem Stadtgebiet von Hannover zusammenwächst. Jeder kann sich eine solche Parzelle für 20 DM, die einem Hilfsprojekt für Wohnungslose zugute kommen, im Internet anhand einer Luftaufnahme aussuchen und per Eigentumsurkunde sichern. Alle Parzellen (ca 70 Meter Durchmesser) sind markiert und geben Auskunft über ihre Besitzer, so daß man mit seinen himmlischen Nachbarn in Kontakt treten kann, falls vorhanden, kann man sogar e-mails von Parzelle zu Parzelle verschicken.
In einem eigenen online-chat können sich alle Besucher des Virtuellen Daches unterhalten. Hier, im sogenannten CYBERCAMP, treffen sich die Partner mit Obdachlosen, die beim ASPHALT-Magazin Hannover kostenlosen Internet-Zugang erhalten.
Außerdem habe ich kostenfreien Netzzugang für Jugendliche im Ev. Jugendzentrum Am Steinbruch in Hannover-Linden sowie in der IGS Integrierte Gesamtschule Hannover-Mühlenberg geschaffen, weil gerade junge Menschen verstehen müssen, daß Zugänge zu den Kommunikationsmedien für alle, auch für sie selbst, wichtig sind und auf diese Weise lernen sollen, mit Obdachlosen richtig umzugehen.
Es entsteht eine Homepage für Menschen, denen man nichts mehr zutraut, nur weil sie keine feste Adresse mehr besitzen (HOMELESS’ HOMEPAGE). Wenigstens kann diesen Menschen eine virtuelle Heimat beschert und so wieder ein Stück Würde gegeben werden, die wir Ihnen zu lange schuldig geblieben sind.
Danken möchte ich an erster Stelle meinen Partnern gekko Gesellschaft für Kommunikation und Kooperation, ohne deren technisches know how und Kapazitäten dieses Projekt nicht möglich geworden wäre, sowie der Firma direct Werner Stiefler für die gute grafische Umsetzung. Ferner danke ich der Firma Hewlett Packard GmbH, deren Geräte wir in Hannover nutzen, der F1 Unternehmensgruppe in Iserlohn für die Übernahme der Leitungsgebühren, dem Deutschen Forschungsnetz DFN-Verein für das Providing, dem Vermessungsamt Hannover für die Luftbilder und Karten, der GMD Forschungszentrum Informationstechnik Sankt Augustin, Micromedia GmbH und allen, die durch ihre Publikation und Unterstützung zum Erfolg des Virtuellen Daches beitragen, und, last not least, dem ASPHALT-Magazin für die gute Kooperation.
Möge das Virtuelle Dach dazu beitragen, daß die Errungenschaften der Medientechnologie uns allen zugute kommen.